Primarschule Uster
Der Kindheitsforscher Marco Hüttenmoser beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Lebensräumen von Kindern. Im Interview spricht er über die Bedeutung des freien Spielens im Wohnumfeld und die Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung.
• Freies Spielen im Wohnumfeld fördert Selbstständigkeit, Bewegungsfähigkeit und soziale Kompetenzen.
• Kinder, die sich selbstständig draussen bewegen können, lernen Risiken besser einzuschätzen und sicherer am Verkehr teilzunehmen.
• Fehlen freie Spiel- und Bewegungsräume, können wichtige Entwicklungsbereiche beeinträchtigt werden – oft mit langfristigen Folgen.
Sie schreiben in Ihrem neusten Buch aus dem Jahr 2023: «Kindheit ohne Raum ist keine Kindheit.» Was meinen Sie damit konkret?
Wenn Kinder ohne Räume aufwachsen, die sie selbstständig erreichen und dort mit anderen Kindern nutzen können, sind wichtige Entwicklungsbereiche gefährdet. Untersuchungen zeigen, dass sich dies negativ auf die Bewegungsfähigkeiten und das Sozialverhalten auswirken kann.
Welche Fähigkeiten entwickeln Kinder besonders gut, wenn sie frei und ohne Erwachsene draussen spielen?
Freies Spielen fördert vor allem die Selbstständigkeit. Heute werden Kinder oft begleitet, beaufsichtigt und mit dem Auto an verschiedene Orte gebracht. Dadurch haben sie weniger Gelegenheiten, eigene Erfahrungen zu machen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Diese Fähigkeiten entwickeln sich besonders gut, wenn Kinder sich selbstständig im Wohnumfeld bewegen können.
Freies Spielen im Quartier wie hier wünscht sich der Kindheitsforscher Marco Hüttenmoser noch mehr: «Kinder, die sich im Wohnumfeld frei bewegen und spielen können, lernen Risiken besser einzuschätzen und entwickeln wichtige Fähigkeiten.»
Was beobachten Sie beziehungsweise die Forschung generell bei Kindern, die kaum noch frei draussen spielen können? Welche Folgen hat das langfristig?
Bereits im Kindergarten zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Kindern, die regelmässig unbegleitet mit anderen Kindern spielen konnten, und solchen, denen diese Möglichkeiten fehlen. Diese Unterschiede betreffen unter anderem motorische und soziale Kompetenzen. Solche Defizite lassen sich später oft nur schwer ausgleichen und können sich auch auf das Verhalten und Lernen in der Schule auswirken.
Viele Eltern haben Angst vor Verkehr oder Gefahren draussen. Was würden Sie diesen Eltern sagen?
Sichere Wege zum Kindergarten und zur Schule sind wichtig. Gleichzeitig wird oft übersehen, dass sich Verkehrssicherheit auch durch Erfahrungen in der frühen Kindheit entwickelt. Kinder, die sich im Wohnumfeld frei bewegen und spielen können, lernen Risiken besser einzuschätzen und entwickeln wichtige Fähigkeiten für ein sicheres Verhalten zu Fuss oder mit dem Velo.
Was können Eltern schon heute tun, damit ihre Kinder mehr freie Erfahrungen draussen machen können – auch ohne auf dem Land zu wohnen?
Eltern können den Kontakt zu anderen Familien fördern und Kindern möglichst viele Gelegenheiten geben, sich selbstständig im Wohnumfeld zu bewegen. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten einzelner Familien begrenzt. Damit Kinder ausreichend Bewegungs- und Begegnungsräume haben, braucht es auch entsprechende Rahmenbedingungen im Quartier und in der Planung des öffentlichen Raums.
Das Interview führte Nicolas Mennel